VATERSCHAFT UND INTERKULTURALITÄT

Heutzutage wird von Vätern erwartet, dass sie dem Idealtypus des engagierten und fürsorglichen Mannes und Vaters entsprechen. Sie sollen sich aktiv an der Kindererziehung beteiligen, auch im Haushalt Verantwortung übernehmen und so eine gerechtere Balance geschlechtlicher und familiärer Arbeitsteilung voranbringen. Dieses Bild ist stark normativ aufgeladenen und orientiert sich an dem imaginierten Ideal des bildungsbürgerlichen mehrheitsdeutschen Mannes. Wenn es um männliche Migranten geht, ist zu beobachten, dass sie in diesem Bild nicht mitgedacht werden. Vielmehr sind sie immer dann Thema, wenn es um negative Vorstellungen von Männlichkeit und Vaterschaft geht. So werden ihnen traditionelle Wertvorstellungen, konservative Erziehungsmuster und ein rigides Ehr- und Moralsystem unterstellt oder aber sie werden als abwesend und passiv beschrieben und kritisiert. Nur selten wird dabei genauer hingesehen, in welcher Weise Partnerschaftsmodelle gelebt und verantwortliches Handeln für die Familie von einzelnen Vätern ausgestaltet wird.

In der konkreten Lebenswirklichkeit vieler Väter mit Migrationsgeschichte wirken sich diese Vorurteilsstrukturen massiv aus. Sie erfahren häufig Ablehnung und Diskriminierung. Dies trifft gerade dann zu, wenn es um die aktive Ausübung von Vaterschaft geht. Während es viele Angebote für Mütter mit Migrationserfahrungen gibt und diese über die Kinder in der Regel gut erreicht werden können, haben migrantische Väter kaum Anlaufstellen und keine Lobby, die ihre Interessen vertritt. Vielmehr wird angenommen, dass sie als Männer aus einer Position der Stärke oder sogar Ignoranz heraus handeln. Dabei wird ausgeblendet, dass gerade Migration Entwertungs- und Verlusterfahrungen nach sich ziehen kann, die z.T. eine erhebliche Schwächung des eigenen Selbstverständnisses zur Folge haben kann. Interkulturalität, Mehrsprachigkeit, kulturelle Unterschiede und religiöse Vielfalt sind selbstverständliche Merkmale und schon seit Jahrzehnten gelebter Alltag in Deutschland. Dies wird von der medialen Öffentlichkeit kaum anerkannt. Menschen mit und ohne Migrationserfahrungen haben und gründen Familien und Männer mit und ohne Migrationserfahrungen sind und werden Väter. Die spezifischen Bedürfnisse von migrantischen Vätern müssen ebenso berücksichtigt werden, wie die aller anderen.