AUSGANGSLAGE - LEERSTELLEN UND ERFAHRUNGEN AUS DER BERATUNG

Als Verband binationaler Familien und Partnerschaften besteht der Großteil unserer Klientinnen und Klienten aus Menschen, die in bikulturellen Partnerschaften leben. Zu unseren vielfältigen Angeboten gehören unter anderem Beratungen für diese Paare und Familien. Gerade in der rechtlichen, der psychosozialen und der Paarberatung stellen wir schon lange fest, dass es tendenziell nach Herkunftskultur unterschiedliche vorurteilsbeladene Perspektiven auf migrantische Männer gibt. Nicht selten wird diesen Männern von Außen betrachtet die Rolle des Familienpatriarchen zugeschrieben, der über seine Kinder zwar mit rigider Strenge wacht, aber an der Erziehung nicht beteiligt oder gar interessiert ist. Solche und andere negative Zuschreibungen, wie etwa eine mit frauenfeindlichem Verhalten assoziierte Kultur bzw. Religion, können bereits im Alltag Einfluss auf das Leben der Männer haben. Spätestens bei Konflikten oder Krisen mussten wir jedoch wiederholt feststellen, dass es zum Teil dramatische Auswirkungen haben kann. Die Männer werden vielfach schnell als Schuldige abgestempelt, die nicht in der Lage sind, sich an die Situation im Herkunftskontext der Partnerin anzupassen. Dabei wird übersehen, welche spezifischen Herausforderungen Migration mit sich bringt und welche großen  Anpassungsleistungen sie im Alltag erbringen. Ebenso erfolgt nur eine geringe Wertschätzung ihrer individuellen biographischen Ressourcen und Kompetenzen, die sie sich bereits im Laufe ihres Lebens angeeignet haben. Während wir vereinzelt in Beratungen und Begleitungen ausgleichend auf die Konfliktparteien und die beteiligten Institutionen und ihre Fachkräfte einwirken konnten, war dennoch ersichtlich, dass ein konkretes Angebot für diese Personen nötig ist. Damit war die Idee für das Projekt geboren.

BEDEUTUNG VON VÄTERN ALS BEZUGSPERSONEN FÜR IHRE KINDER

Die Väterforschung hat schon früh auf die große Bedeutung des Vaters für die soziale, kognitive und emotionale Entwicklung der Kinder hingewiesen. Auch die Integration der Kinder mit familiärer Migrationsgeschichte in die deutsche Mehrheitsgesellschaft ist eng verknüpft mit den Kompetenzen und dem Wissen der Väter. Gerade migrantische Väter können aber der Rolle als positive Vorbilder und Wegweiser in einer Gesellschaft die ihnen diese Kompetenzen abspricht häufig nur erschwert nachkommen. Migrations- und Fremdheitserfahrungen, kulturelle Unterschiede, soziale Abwertung und sich ändernde Familienstrukturen stellen für Väter mit Migrationserfahrungen Herausforderungen dar, in denen sie z.T. Unterstützung benötigen. Angebote im Bereich Familie und Elternbildung richten sich allerdings überwiegend an Mütter. Obwohl viele Väter mit Migrationshintergrund, ähnlich wie mehrheitsdeutsche Väter, einen aktiveren Part in der Familie übernehmen und ihr Vatersein anders gestalten wollen, werden ihre Bemühungen nur selten wahrgenommen oder adäquat unterstützt. In Ämtern, aber auch in Beratungsstellen werden bspw. familiäre Konflikte häufig kulturalisert und das Verhalten ausländischer Väter wird allzu schnell auf ihre „Kultur“ oder “Religion” geschoben, anstatt im Einzelfall zu schauen, wo Lösungsansätze liegen. Nicht selten fehlen gerade in Spannungs- oder Trennungssituationen qualifizierte Ansprechpartner*innen, so dass vermeidbare Eskalationsstufen eintreten, deren Folgen sehr oft Kinder tragen müssen.

DAS VORLÄUFERPROJEKT “STARK FÜR KINDER - VÄTER IN INTERKULTURELLEN FAMILIEN”

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sah ebenfalls Handlungsbedarf und unterstützte uns, so dass wir von 2011 bis 2014 in der Geschäftsstelle Leipzig ein Modellprojekt durchführen konnten. Das Feld der interkulturellen Väterarbeit ist relativ neu, so dass es kaum fundierte konzeptionelle Ansätze gab. Über rechtliche und soziale Beratung, Workshops und Informationsveranstaltungen sowie regelmäßige praktische Vater-Kind-Aktivitäten konnten wir uns über das Projekt als Ansprechpartner für migrantische Väter etablieren und ein aktives Netzwerk aufbauen. Aus unseren Vorerfahrungen war uns bewusst, dass Väter mit Migrationserfahrungen erwarten, auch als aktive und engagierte Väter wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden. Wir verfolgten deshalb weniger den Ansatz, als Expert*innen Informationen und vermeintliche Standards der hiesigen Gesellschaft zu vermitteln, sondern in einem achtsamen Austausch die Erweiterung von Perspektiven und Handlungsoptionen zu ermöglichen. Fern von einer Defizitorientierung richteten wir den Blick auf kulturelle und individuelle Ressourcen und setzten uns kritisch mit gesellschaftlichen und familiären Erwartungen und Vorstellungen auseinander. Die Bewältigung von strukturellen und kulturellen Herausforderungen in einem neuen Lebensumfeld und in einer bikulturellen Partnerschaft sowie die Beschäftigung mit der eigenen Sozialisation und der Prägung durch wichtige Bezugspersonen waren dabei bedeutende Themen.

Die Ergebnisse im Laufe des Projektes bestärkten uns. Der Austausch in der Gruppe und die behutsame Auseinandersetzung halfen den Vätern, reflektierter und selbstbewusster zu werden. Dies begünstigte nicht nur eine aktivere Rolle bei der Erziehung der Kinder, sondern förderte im mehrkulturellen Kontext auch ein positives Rollenvorbild für ihre Kinder.

Um die konzeptionelle Arbeit in dem Gebiet weiter voranzutreiben, haben wir uns entschieden, unsere Erfahrungen analytisch aufzuarbeiten und die Ergebnisse festzuhalten. In dem Buch „Väter in interkulturellen Familien. Erfahrungen – Perspektiven – Wege zur Wertschätzung“ (Brandes & Apsel – 2014) setzen wir uns mit den spezifischen Bedarfen von migrantischen Vätern und den Erfordernissen der interkulturellen Väterarbeit auseinander.